Exklusive Kreationen aus Meisterhand

Von Deborah Knür

Das Atelier: - Seit 2002 kreiert Marco Glowatzki in der Innocentiastraße 13 Mode nach Maß. In elegantem Ambiente suchen die Kunden aus unzähligen Mustern die passenden Stoffe aus und entwickeln gemeinsam mit Meister Marco ihren Wunschschnitt. Der Schneider entwirft nach Vorlagen oder nach eigenen Ideen.

Die Stoffe: Weit über 1000 verschiedene Stoffe verwendet Meister Marco für die Kreationen, darunter vor allem solche von Designern wie Ungaro oder Valentino, aber auch Agnona oder Versace. Besonders exklusive Muster fordert er von den Herstellern an, wie einen Stoff mit Nadelstreifen aus 22 Karat Gold.

Die Kosten: Sie sind abhängig von Arbeitszeit und Materialkosten, die sich nach den Stoffpreisen richten, die zum Beispiel bei Valentino zwischen 99 und 300 Euro pro Meter liegen können. Für ein Kostüm können da schon mal 600 bis 800 Euro anfallen.

Artikel erschienen am 04.09.2004

Die Welt 2005


Designer-Träume nach Maß
Hanseatische Lebensart: Im Gespräch mit dem Hamburger Edel-Schneider Meister Marco


Von Deborah Knür


Eigentlich wollte er sich in diesem Jahr endlich Urlaub gönnen. Eine Woche wenigstens. Aber daraus wurde wieder nichts. Das Wetter war zu schlecht. Und Regen regt die Kauflust an. Weshalb sich viele seiner Kunden öfter in seinem Atelier als in ihren Sommerhäusern auf Sylt vergnügten. Meister Marco jedenfalls kann anders als der Textileinzelhandel nicht über mangelnde Aufträge klagen. Im Gegenteil. Konjunkturflauten kennt er nicht.


Der 32-Jährige, der mit bürgerlichem Namen Marco Glowatzki heißt, kleidet die Hamburger Gesellschaft ein. Und nicht nur die: Seine Kunden kommen mittlerweile auch aus München, Bad Pyrmont oder schon mal aus dem benachbarten Ausland. In seinem Atelier in der Innocentiastraße fertigt er seit zwei Jahren Designer-Träume nach Maß. Aus Stoffen von Valentino oder Ungaro zum Beispiel. Und natürlich Versace nicht zu vergessen. Aber dazu später. Wer zu Meister Marco kommt, sucht das Einzigartige. Oder findet in den Designer-Boutiquen nichts Passendes. Chanel ist in Größe 42 Mangelware.


Marco ist in der Nähe von Schwerin geboren. Und sein Weg war eigentlich schon vorgezeichnet. Das wusste jedenfalls seine Oma schon, als er kaum über den Rand der alten Nähmaschine gucken konnte. Mit ihr kleidete die Großmutter, bei der er als Kind die Ferien verbrachte, damals die ganze Familie ein. Und Marco guckte zu. Heute steht die Nähmaschine bei ihm zu Hause. Erbstück und Erinnerung. "Damals war für mich klar, dass ich das auch machen wollte", sagt der Schneider.


Eine Lehrstelle zu finden war allerdings ein Problem. Der einzige Herrenschneider der Region war lange im Voraus ausgebucht. Also begann er bei seinem Onkel eine Malerlehre. Auch etwas Kreatives immerhin. Später heuerte er bei einer Altmeisterin in Soltau an, wo er noch als Geselle arbeitete. Bis er zu Jürgen Hartmann ging, wo er acht Jahre blieb und seinen Meister machte. Der Brief hängt heute unübersehbar an der Wand. Das macht Eindruck, wenn auch nicht so viel wie die Kronleuchter und das Kristall, die großen Spiegel und die schweren Teppiche auf dem Parkett, die immense Stoffauswahl und das elegante Ambiente in seinem Atelier. Die Kunden sollen sich schließlich wie zu Hause fühlen.


Vor zwei Jahren machte er sich selbstständig. Die Unabhängigkeit. "Sonst macht man doch immer, was der Chef bestimmt", sagt er. Damals gab er auch seinen Nachnamen zu Gunsten von Meister Marco her. Klingt doch besser als Glowatzki Couture.


Den Kunden jedenfalls gefällt es. Wie das, was sie bei ihm in Auftrag geben. Stammkunden zumeist, manche kommen alle zwei Wochen in die Innocentiastraße. Und oft drängt die Zeit. Ein Fest steht an, und der Flieger nach Marbella wartet nicht. Auf Schneiderpuppen hängen die Stücke, die auf Abholung warten oder fast fertig sind.


Ein Traum aus hellblauer italienischer Seide zum Beispiel, oben herum mit Perlen und Pailletten von Swarovski bestickt. Die allein haben einen Materialwert von rund 600 Euro. Die Arbeit nicht mitgerechnet. Das Kleid schlägt am Ende etwa mit 2500 Euro zu Buche. Vor allem bei den Designerstoffen kostet das Material allein schon so viel wie mancher im Monat Miete bezahlt. "Ein Meter Stoff von Valentino kann 99, aber auch 300 Euro kosten", so der Edel-Schneider. Da schlägt der Stoff für ein Kostüm schon mal mit 600 bis 800 Euro zu Buche.

Aber über Geld wird nicht gesprochen bei Meister Marco. "Die meisten Kunden fragen nicht, was es kostet", sagt der 32-Jährige. Bei der Abholung gibt es zum Kleidersack einen verschlossenen Umschlag, in dem die Rechnung ist. "Innerhalb von einer Woche ist das Geld in der Regel überwiesen." Dass einer nicht gezahlt habe, sei bei ihm noch nie vorgekommen. Über mangelnde Zahlungsmoral kann er sich nicht beklagen.


Auch bei denen nicht, die mit Vorliebe zeigen, dass sie sich Meister Marco leisten können. "Meine Versace-Russen", nennt er sie fast liebevoll, weil ihre Vorlieben so wenig zurückhaltend sind wie das Design des Labels. Unter dem Tisch liegen russische Mode- und Lifestylemagazine. Mancher zeige eben lieber als andere, was er hat.


Dem Hanseaten liegt das eher fern. Überhaupt sei der eher zurückhaltend, auch was die Stoff- und Modellauswahl angehe, plaudert Marco im wahrsten Sinne des Wortes aus seinem reich gefüllten Nähkästchen. Das gibt es wirklich: Jeder Kunde bekommt bei ihm eine Karteikarte mit allen relevanten Daten, die nur im Notfall geändert werden. Aber das kommt selten vor. Und wenn, dann klingt das etwa so: "Ach, wissen Sie, wir waren gerade wieder auf Kreuzfahrt. Das gute Essen, Sie wissen schon. Machen Sie das Kleid dieses Mal zwei Zentimeter weiter?" Für Meister Marco kein Problem. "Ich gebe ohnehin immer drei Zentimeter mehr in die Nähte", sagt der und nennt das "Seereisen-Reserve".


Er kennt die Vorlieben seiner Stammkunden. "Viele haben ganz präzise Vorstellungen und pflegen ihren Stil." Andere kommen mit Fotos aus "Gala" oder "Bunte". "Modell Sophie", nennt er dann eine Kreation, die so schon mal eine Gräfin oder ein Star getragen hat. Meist ändert er sie ein bisschen ab. Mit Diplomatie findet sich immer eine Alternative, die der Kundin am Ende besser steht.


Neukunden kommen zuerst zum Schnuppertermin. "Manchmal fehlt die Vorstellungskraft, dann ist es nicht leicht, sich das fertige Stück zu denken, wenn es keine Modelle gibt." Aber Marco fertigt nur nach Maß, Konfektion gibt es bei ihm nicht, weshalb eine Skizze genügen muss, um zu zeigen, wie Anzug oder Robe einmal aussehen werden.


Drei Termine benötigt eine Kreation in der Regel, Besprechung, Anprobe und Abnahme. Die Anprobe kann auch schon mal zwei Stunden dauern, aber Kaffee, Wein und Champagner stehen bereit. Zwei bis drei Wochen nimmt eine Produktion zumeist in Anspruch, je nach Aufwand, versteht sich, und auch nach Stoff. Manche haben längere Lieferzeiten, wie zum Beispiel jener, aus dem er kürzlich einen Anzug schneiderte. Dunkel mit feinen Nadelstreifen - aus 22 Karat Gold. Ein Geschenk der Ehefrau zum 70. Geburtstag, der Mann hatte von dem Stoff geschwärmt. Keine Hamburger, die Kunden kommen aus dem Süden. Mann gönnt sich ja sonst nichts.


Artikel erschienen am 11.10.2005/ Die Welt